Wenn Führung ersetzbar scheint.
Liebe Leserinnen und Leser,
Wie fähig ist die eigene Führungskraft und könnte sie durch KI ersetzt werden?
Fast jeder dritte Beschäftigte in Deutschland hält genau das für möglich. Bei der eigenen Tätigkeit fällt das Urteil deutlich selbstbewusster aus, denn hier sieht nur knapp jeder Vierte ein vergleichbares Potenzial. Das zeigt eine repräsentative Befragung von Bitkom Research aus dem Frühjahr 2026.
Diese Zahlen verleiten zu einer provokanten Frage: Was sagt es über Führung aus, wenn Mitarbeitende einem technischen System zutrauen, ihre Vorgesetzten zu ersetzen?
Das kann auf den ersten Blick eher wenig mit überragenden zwischenmenschlichen Kompetenzen zu tun haben, als mit einem recht technischen Führungsverständnis. Wenn es in Sachen Führung hauptsächlich um Planung, Kontrolle, Informationsverteilung und standardisierte Entscheidungen geht bzw. Führung hauptsächlich als Koordination erlebt wird, erscheint ihre Automatisierung zumindest vorstellbar.
Was vielleicht zunächst bedrohlich klingt, beinhaltet zugleich eine gute Nachricht. Denn Künstliche Intelligenz zwingt Organisationen dazu, genauer zu bestimmen, was gute Führung ausmacht. Da sie viel mechanische Denkleistung in kurzer Zeit erbringen kann, ist sie prädestiniert dafür Routinen zu übernehmen, Informationen zu strukturieren, Szenarien zu berechnen oder auch Entscheidungen vorzubereiten. Dadurch entstehen Freiräume für jene Aufgaben, bei denen Führung ihre besondere Qualität entfaltet: Orientierung geben, (zwischenmenschliche) Beziehungen gestalten, Widersprüche aushalten und Verantwortung übernehmen.
Die Verunsicherung reicht tiefer als die Angst um den Arbeitsplatz
Aber nicht nur Führungskräfte befürchten, plötzlich austauschbar zu sein. Die Sorge, durch KI ersetzt zu werden, lässt sich nicht als diffuse Technikangst abtun. Nach einer Bitkom-Erhebung aus dem Jahr 2025 halten 22 Prozent der Erwerbstätigen es für möglich, dass ihr Arbeitsplatz durch KI wegfallen könnte. 24 Prozent der Befragten befürchten, ihre Arbeit könne dadurch an Wert verlieren und 29 Prozent sorgen sich besonders um den eigenen Kompetenzverlust, hervorgerufen durch eine zu große Abhängigkeit von KI.
Derlei Bedenken einfach abzutun, wäre voreilig und unklug. So zeigt eine Unternehmensbefragung des ifo Instituts ebenfalls, dass die Befürchtungen eine reale Grundlage haben. Fast ein Drittel (27,1 Prozent) der deutschen Unternehmen rechnen innerhalb der kommenden fünf Jahre mit einem KI-bedingten Stellenabbau. Demgegenüber erwarten zwei Drittel allerdings keine Veränderung der Beschäftigtenzahl und 5,2 Prozent rechnen mit zusätzlichen Arbeitsplätzen.³
Fest steht, dass KI Tätigkeiten übernehmen wird. Berufsbilder werden sich verändern und in manchen Bereichen wird dies dazu führen, dass Stellen entfallen oder anders besetzt werden. Ebenso wie sie neue Aufgaben und Kompetenzprofile hervorbringen wird.
Entscheidend ist deshalb, ob Organisationen diese Veränderung ausschließlich technisch vollziehen oder als umfassende Managementaufgabe verstehen.
Denn die Verunsicherung betrifft weit mehr als den möglichen Verlust des Arbeitsplatzes. So sorgen sich in einer weiteren Erhebung 66 Prozent der befragten Erwerbstätigen darum, wohin ihre Daten gelangen. 64 Prozent befürchten weniger menschlichen Kontakt, 57 Prozent hegen Zweifel an der Zuordnung von Verantwortung bei der Klärung bei Fehlern.
Worum geht es also wirklich bei diesen Ängsten?
Es geht um Kontrolle und Autonomie, um die Bedeutung der eigenen Arbeit, ums Gesehenwerden und um die Frage, wer für Entscheidungen einsteht, wenn ein technisches System daran beteiligt war.
In der Debatte über die Zukunft der Arbeit wird häufig betont, KI könne zwar Daten verarbeiten, aber niemals kreativ, empathisch oder urteilsfähig sein. Diese Abgrenzung klingt beruhigend, ist aber nicht zu Ende gedacht. Denn diese Annahmen beziehen sich ausschließlich auf den Ist-Zustand der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz.
KI kann bereits emotionale Signale in Sprache erkennen, Perspektiven einnehmen, mögliche Reaktionen antizipieren und ihre Kommunikation an die Situation eines Gegenübers anpassen. Sie kann wertschätzend formulieren, Konfliktlagen analysieren und auf Sorgen eingehen. Damit bildet sie zumindest Teile dessen ab, was als kognitive Empathie bezeichnet wird: die Fähigkeit, Gedanken und Gefühle anderer zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. Eine Fähigkeit, die auch im Menschen sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann.
Ob eine KI real empfundenes Mitgefühl oder andere Emotionen erleben kann oder ausschließlich mit erlernten Mustern emotionaler Kommunikation arbeitet, bleibt eine offene Frage. Für einen Menschen, der eine aufmerksame oder hilfreiche Antwort erhält, kann die Wirkung dennoch sehr „echt“ sein.
Auch die Lernfähigkeit ist kein ausschließlich menschliches Merkmal. Kinder kommen ebenfalls nicht mit einem vollständig entwickelten Verständnis für Empathie, Moral oder soziale Verantwortung zur Welt. Sie lernen durch Beziehungen, Vorbilder, Erfahrungen und die Reaktionen ihres Umfelds. Ähnlich wie auch das Verhalten einer KI davon abhängt, mit welchen Informationen, Beispielen, Regeln und Rückmeldungen sie trainiert wird.
Diese Analogie hat jedoch Grenzen. Ein Kind erlebt die Welt mit einem Körper, der fühlen kann. Zudem entwickelt es innerhalb realer Beziehungen eine fortlaufende Identität. Es erfährt die Folgen seines Handelns unmittelbar. Eine heutige KI erkennt und verarbeitet Muster, ohne dass sich daraus ein eigenes emotionales Erleben ableiten ließe. Trotzdem wäre es voreilig, Empathie, Kreativität und Reflexion zu uneinnehmbaren menschlichen Festungen zu erklären.
Die Grenze verläuft zwischen Leistung und Verantwortung
Es geht wahrscheinlich also weniger darum, bestimmte Fähigkeiten für alle Ewigkeiten beim Menschen verorten zu wollen als vielmehr darum, was Menschen selbst verantworten wollen und müssen, wenn KI bestimmte Aufgaben ebenso gut oder eines Tages sogar besser erfüllen kann.
Künstliche Intelligenz kann Entscheidungen vorbereiten, Argumente gegeneinander abwägen und auf Risiken hinweisen, die dem Menschen möglicherweise entgehen. Sie trägt jedoch keine Verantwortung im sozialen oder rechtlichen Sinne. Sie verliert kein Vertrauen, tritt Betroffenen nicht als moralisches Gegenüber entgegen und muss mit den Folgen einer Fehlentscheidung nicht leben.
Je leistungsfähiger KI also wird, desto mehr Bedeutung bekommt deshalb die bewusste Entscheidung darüber, wo und unter welchen Bedingungen sie eingesetzt werden soll. Das St. Galler Management Modell bietet dafür einen hilfreichen Referenzrahmen. Es betrachtet Organisationen als komplexe Systeme, in denen normative, strategische und operative Entscheidungen miteinander verbunden sind. KI kann innerhalb dieses Systems Prozesse beschleunigen, Prognosen verbessern und neue Handlungsoptionen eröffnen. Die normative Richtung gibt sie jedoch nicht selbst vor.
Ein Unternehmen muss weiterhin beantworten, welchen Zweck es verfolgt, an welchen Werten es seine Entscheidungen ausrichtet und welche Folgen es für Mitarbeitende, Kunden und Gesellschaft akzeptieren will (und kann). Diese Fragen können mit Unterstützung von KI reflektiert, aber technisch nicht abschließend entschieden werden.
KI als Spiegel für Führung
Wenn Führungsverantwortliche weniger gut kommunizieren und geduldiger auf Fragen eingehen können als Künstliche Intelligenz, lohnt unter Umständen ein prüfender Blick darauf, weshalb Beschäftigte diese Qualitäten bei ihrer Führungskraft vermissen.
Auf diese Weise kann KI zum Spiegel für Organisationen werden. Sie zeigt, welche Managementaufgaben weitgehend standardisierbar sind und wo Führung über die Verwaltung von Informationen hinausgeht. Sie legt offen, ob Mitarbeitende Orientierung erfahren, ob ihre Perspektiven gehört werden und ob sie Entscheidungen als nachvollziehbar und begründet wahrnehmen.
Eine Befragung von 1.000 Führungskräften aus Wirtschaft, Politik und Kultur verdeutlicht diese Ambivalenz. Rund 60 Prozent sehen die Chance, mit KI eine lernende Organisationskultur und mehr Innovationsbereitschaft zu fördern. Ebenso viele befürchten jedoch eine Kultur der Überwachung und Kontrolle, eine wachsende technologische Abhängigkeit und eine Schwächung menschlicher Komponenten in der Führung.
Doch welche dieser Seiten sich durchsetzt, entscheidet nicht allein die Technologie. Es hängt davon ab, wie sie in Strukturen, Prozesse und Beziehungen eingebunden wird.
Entlastung, Entwertung, Ersatz oder alles gleichzeitig?
Künstliche Intelligenz muss Führung weder entwerten noch ersetzen. Denn richtig eingesetzt, kann sie Führungskräfte vor allem von zeitintensiven Routinen entlasten, indem sie beispielsweise Informationen aufbereiten und dabei helfen kann, Entscheidungen gründlicher vorzubereiten. Die gewonnene Zeit wird allerdings nur dann zum Vorteil, wenn sie tatsächlich für Führung genutzt wird. Wer dank KI schneller Berichte erstellt, aber weiterhin keine Zeit für Gespräche, Reflexion und gemeinsame Orientierung findet, hat lediglich die Geschwindigkeit erhöht.
Die Zukunft gehört damit weder dem Menschen allein noch der Maschine. Sie entwickelt sich aus ihrem Zusammenspiel heraus. KI kann analysieren, strukturieren, lernen und zunehmend auch empathisch kommunizieren. Der Mensch bleibt gefordert, dieser Leistungsfähigkeit eine Richtung zu geben und für ihre Folgen einzustehen.
Fast jeder dritte Beschäftigte hält die eigene Führungskraft für ersetzbar. Das Ergebnis der eingangs zitierten Umfrage sollte Führungskräfte weder kränken noch alarmieren. Vielmehr ist sie eine Einladung, den Unterschied, den gute Führung macht, deutlicher erlebbar werden zu lassen. Durch eine Führung, die über Koordination und Kontrolle hinausgeht, technische Möglichkeiten klug nutzt und wirklich Verantwortung übernimmt. Wenn das gelingt, wird die nächste technologische Revolution zu einem selbstverständlichen Teil des Managementalltags und damit eine Chance für wirksamere Führung und spürbare Entlastung.
Herzlich
Ihr Daniel Keller
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Quellen:
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Foto: designx4u auf magnific
