KP Magazin

Wenn alles unsere Aufmerksamkeit will

Geschrieben von Prof. Dr. Daniel Keller | 2.10.2026

Warum Führung entscheiden muss, was wichtig ist

Liebe Leserinnen und Leser,

Wem oder was gehört eigentlich unsere Aufmerksamkeit?

Wenn ich mir diese Frage stelle, merke ich, dass ich darüber im Alltag aktiv wenig nachdenke. Wir sprechen ständig darüber, wie wir unsere Zeit besser nutzen, wie wir unsere Aufgaben organisieren oder wie wir Prioritäten setzen. Aber darüber, was mit unserer Aufmerksamkeit passiert und wie sehr sich unsere Fähigkeit verändert, bei einer Sache zu bleiben, sprechen wir erstaunlich selten, und wenn, dann häufig im Zusammenhang mit jüngeren Generationen und deren Umgang mit Smartphones und sozialen Medien. Dabei entscheidet genau das darüber, was wir wirklich mitbekommen, worüber wir nachdenken, was wir verstehen und letztlich auch darüber, was wir miteinander erreichen. Und das gilt für alle Generationen.

Jeder von uns kennt das: Sie sitzen in einem Gespräch mit einem Kollegen oder einer Kollegin, hören zu und sind eigentlich ganz bei der Sache. Und dann liegt da dieses Smartphone auf dem Tisch und plötzlich leuchtet das Display auf oder es vibriert kurz. Sie nehmen es vielleicht gar nicht in die Hand und schauen auch nicht nach, wer geschrieben hat. Und trotzdem ist da für einen Moment dieser kleine Gedanke:

Wer könnte das gewesen sein?
Was ist da gerade angekommen?
Ist es vielleicht etwas Wichtiges?

Eigentlich ist überhaupt nichts passiert. Niemand hat uns angesprochen, niemand hat das Gespräch unterbrochen. Und trotzdem hat unsere Aufmerksamkeit für einen kurzen Moment den Raum verlassen.

Lesen Sie mehr dazu im Beitrag meiner Kollegin Dr. Sandra Dentler „Konzentration braucht Abstand: Warum Nähe zum Smartphone ablenkt“


Ich finde diesen Gedanken deshalb interessant, weil wir inzwischen in einer Arbeitswelt leben, in der unsere Aufmerksamkeit ständig mit sehr vielen anderen Dingen konkurriert. Und das Schwierige daran ist gar nicht unbedingt, dass wir uns nicht mehr konzentrieren können. Viele von uns können das nach wie vor sehr gut, wenn wir wirklich die Ruhe dafür haben. Schwieriger scheint mir etwas anderes geworden zu sein: bei einer Sache zu bleiben, obwohl es gleichzeitig so viele andere Dinge gibt, die um unsere Aufmerksamkeit buhlen.

Und wir übersehen dabei, dass Aufmerksamkeit keine unendliche Ressource ist und dass jeder Wechsel von einem Gedanken zum nächsten auch bedeutet, dass wir einen Teil unserer Aufmerksamkeit irgendwo anders hin verschieben.

Und damit wird Aufmerksamkeit plötzlich mehr als eine persönliche Fähigkeit.

Denn die Frage ist nicht nur, ob ich selbst gut darin bin, mich zu konzentrieren. Die Frage ist auch, in welcher Umgebung ich arbeiten soll, worauf in einer Organisation ständig reagiert werden muss und welches Verhalten wir als Führungskräfte eigentlich vorleben. Wenn ich als Führungskraft jederzeit erreichbar bin, auf jede Nachricht sofort reagiere und in jedem Moment etwas Neues für dringend erkläre, dann sende ich damit schließlich auch ein Signal an die Menschen um mich herum.

Deshalb möchte ich heute weniger darüber sprechen, wie wir unsere persönliche Konzentrationszeit optimieren können. Mich interessiert heute vielmehr die Frage:

Was passiert mit unserer Aufmerksamkeit, wenn ständig etwas um sie konkurriert, und welche Verantwortung haben wir als Führungskräfte dafür, dass Menschen ihre Aufmerksamkeit wieder auf das richten können, was wirklich wichtig ist?


Haben wir verlernt, unsere Aufmerksamkeit zu fokussieren?

Der amerikanische Kognitionspsychologe Daniel T. Willingham beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Lernen, Aufmerksamkeit und Gedächtnis. Die Forschung zur Aufmerksamkeit liefert dabei einen interessanten Befund, der besagt, dass es derzeit wenig Grund zu der Annahme gibt, dass die grundsätzliche Fähigkeit, uns zu auf etwas zu konzentrieren, einfach verschwunden ist.

Menschen können sich nach wie vor über längere Zeit mit einer Sache beschäftigen. Jeder, der schon einmal jemandem dabei zugesehen hat, wie er oder sie zwei Stunden vollkommen versunken einem Hobby nachgeht oder ein Buch liest, kennt das Phänomen. Deshalb lautet die spannendere Frage für mich:

Warum gelingt uns diese Aufrechterhaltung von Aufmerksamkeit bei manchen Dingen fast mühelos und bei anderen kaum?


Zwischen der Fähigkeit, sich zu konzentrieren, und den Bedingungen, unter denen wir diese Fähigkeit abrufen, liegt ein Unterschied. Denn eben jene Bedingungen haben sich massiv verändert.


Die stille Verschiebung: Unsere Aufmerksamkeit hat Konkurrenz bekommen

Noch nie war die nächste Ablenkung nur einen Klick, einen Ton oder eine Vibration entfernt. Dabei ist es zu einfach, allein auf das Smartphone als Schuldigen zu zeigen. Schließlich ist unsere Arbeitswelt längst nach demselben Prinzip organisiert: e-Mails laufen ein, Teams-Nachrichten erscheinen, Kalender erinnern an Termine, Projektmanagementsysteme melden Änderungen. Dazu kommen Videokonferenzen, Rückfragen und die vielen kleinen Dinge, die „eben kurz“ erledigt werden sollen. „On top“ kommt KI.

Zeitgleich passiert etwas Interessantes in unserem Hirn. Je leichter Informationen verfügbar werden, desto mehr davon können wir auch verarbeiten. Oder zumindest versuchen wir es. Damit ist unsere Fähigkeit zur Konzentration nicht plötzlich verschwunden, doch die Konkurrenz um unsere Aufmerksamkeit ist gewachsen.


Warum die schnelle Belohnung so attraktiv ist

Hinzu kommt ein Mechanismus, den die Psychologie als „Delay Discounting“ bezeichnet. Vereinfacht gesagt neigen wir Menschen dazu, eine unmittelbare Belohnung höher zu bewerten als eine Belohnung, auf die wir länger warten müssen. Eine Erkenntnis, für die man kein Psychologe sein muss. Denn wer schon einmal an einer schwierigen Präsentation gearbeitet und zwischendurch „nur kurz“ seine Mails geöffnet hat, kennt das Prinzip. Die Mails liefern sofort etwas Neues, eine der Nachrichten möglicherweise sogar Anerkennung oder ein kleines Erfolgserlebnis. Die Präsentation dagegen belohnt mich vielleicht in drei Tagen, wenn sie fertig ist. Oder in einer Woche, wenn ich sie vorstelle, und wenn ich großes Pech habe, vielleicht auch gar nicht.

Gemünzt auf das konzentrierte Arbeiten bedeutet es nicht, dass wir unsere Aufmerksamkeitsfähigkeit verlieren, sehr wohl heißt es aber, dass konzentriertes Arbeiten unter erschwerten Bedingungen stattfindet. Und an dieser Stelle wird aus einer vermeintlich persönlichen Frage für mich eine Führungsfrage.


Natürlich trägt jeder selbst Verantwortung dafür, wie er arbeitet. Ich kann das Smartphone weglegen und den Blick in die Mails für eine gewisse Zeitspanne vermeiden. Das kann helfen und trotzdem wäre es mir zu einfach, die Verantwortung damit vollständig beim Einzelnen abzuladen. Denn Unternehmen gestalten einen erheblichen Teil der Umgebung, in der Konzentration stattfinden soll.

Wenn Mitarbeitende an einem Vormittag drei Meetings haben, zwischendurch auf Nachrichten reagieren sollen und gleichzeitig mehrere Projekte mit höchster Priorität bearbeiten, hilft auch die beste Fokus-App irgendwann nur noch bedingt.


Wenn fünf Dinge gleichzeitig „Prio eins“ sind, gibt es am Ende keine Priorität mehr.

Genau deshalb gehört es für mich zu guter Führung, Aufmerksamkeit nicht nur einzufordern, sondern auch zu schützen.

Das beginnt ganz grundlegend mit Klarheit. Menschen müssen wissen, was gerade wirklich wichtig ist und genauso, was noch warten kann oder vielleicht sogar warten muss. Denn wenn alles gleichzeitig dringend erscheint, entsteht schnell eine Arbeitsumgebung, in der Menschen zwar ständig reagieren, aber immer weniger Raum haben, sich wirklich mit einer Sache auseinanderzusetzen.

Dazu gehört auch die Frage, wie wir miteinander kommunizieren. Muss wirklich jede Rückfrage sofort beantwortet werden? Muss jeder bei jedem Meeting dabei sein? Und müssen wir tatsächlich ständig erreichbar sein, nur weil es technisch jederzeit möglich ist?

Und schließlich geht es darum, wie wir Arbeit organisieren. Komplexe Aufgaben brauchen Zeit, in der ein Gedanke auch einmal länger als zehn Minuten verfolgt werden kann, ohne dass schon die nächste Nachricht, die nächste Rückfrage oder der nächste Termin dazwischenkommt. Eigentlich klingt das selbstverständlich. Wenn man sich unseren Arbeitsalltag anschaut, ist es das allerdings erstaunlich selten.

Gute Führung kann Aufmerksamkeit nicht verordnen, aber Bedingungen schaffen, unter denen Menschen ihre Aufmerksamkeit dort einsetzen können, wo sie wirklich gebraucht wird. Und zwar durch Klarheit und echte Prioritäten, durch weniger unnötige Unterbrechungen und durch Arbeitsräume, in denen Menschen auch einmal bei einem Gedanken bleiben können, bis er zu Ende gedacht ist.

Und vielleicht wird genau das in Zukunft noch wichtiger.
Denn je mehr Technologien uns einzelne Aufgaben abnehmen und je leichter Informationen verfügbar werden, desto weniger wird es darum gehen, alles im Blick zu behalten. Umso wichtiger wird die Fähigkeit, zu entscheiden, was unsere Aufmerksamkeit überhaupt verdient.


Ihr Daniel Keller

 

Kleiner Exkurs: Was die Generation Z damit zu tun hat

In unserem Beitrag „Generation Z in der Arbeitswelt“ beschäftigen wir uns damit, wie die Bedingungen ihres Aufwachsens Fokus, Selbststeuerung und Zusammenarbeit beeinflussen. Und sich im Zuge dessen auch erklärt, weshalb Führung gut beraten ist, diese Zusammenhänge erst einmal zu verstehen, bevor sie daraus vorschnelle Urteile über Leistungsbereitschaft oder Konzentrationsfähigkeit ableitet.

 

Bildquelle: Foto von TheYuri Arcurs Collection auf Magnific