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Prof. Dr. Daniel Keller25.3.2019

Open Workspace

Arbeiten wie die Bienen? 

 

Liebe Leserinnen und Leser,

wie funktioniert und organisiert sich eigentlich ein Bienenvolk? Die Stärke der Honigproduzenten liegt in ihrer gesellschaftlichen Ordnung, denn eine einzelne Biene könnte nicht überleben und hätte überhaupt kein Ziel. Hier kommt in einem Bienenstock die kollektive Schwarmintelligenz, der „Hive Mind“ zum Einsatz. Durch Kooperation entwickeln die Bienen ungeahnte Kräfte und ihr komplexes System kann sich entfalten. Dabei arbeiten die Bienen nicht abgetrennt voneinander, sondern sozusagen im „Großraumbüro“.

Nun stellt sich die Frage, ob sich die Bienen-Metapher auch auf den Menschen übertragen lässt. Auch wir sind in der Lage dazu eine Schwarmintelligenz zu entwickeln und durch Kooperation geradezu herkulische Taten zu vollbringen.

Mitte der 2000er Jahre setzten sich in Amerika durch Konzerne wie Google oder Facebook neue Konzepte der Zusammenarbeit durch. Eines davon war der Open Workspace, die Zusammenarbeit von vielen Menschen in einem einzigen großen, hellen und weitläufigen Raum, das typische Großraumbüro – dies ist gerade in der Start-up Szene der letzte Schrei.


Welcher Gedanke steckt hinter dieser Idee? Durch die offene Fläche und den sprichwörtlichen Fall von Barrieren sollten auch Barrieren im Inneren niedergerissen werden: Durch die physische Nähe entsteht mehr Interaktion und die Schwarmintelligenz wird erweckt! 70% aller US-Büros sind designt im Sinne des Open Workspace. Es brummt und summt im offenen Büro, Kommunikation und Kooperation werden angeregt und alle sind glücklich und zufrieden… aber ist dem wirklich so?

Schon zu Beginn des Trends wurde neben der Euphorie ebenfalls Kritik laut. Stellvertretend dafür kann die US-Serie „The Office“ angesehen werden, die klischeehaft mit den Schwächen des Großraumbüros spielt und dabei die amerikanische Arbeitswelt gnadenlos durch den Kakao zieht. Die Beliebtheit der Serie zog mehrere Ableger in verschiedenen Ländern mit sich, so z.B. „Stromberg“ mit Christoph Maria Herbst bei uns in Deutschland. Auch wenn diese Serien die Nachteile offener Büros sehr überspitzt darstellen, treffen sie dennoch den Kern der Sache: Es entsteht ein beachtlicher Lautstärkepegel, der konzentriertes Arbeiten erheblich erschwert, private Gespräche schallen durch den Raum und ein vertrauliches Telefonat mit einem Kunden oder einem Dienstleister wird in der hellhörigen Umgebung des Großraumbüros zu einer echten Herausforderung. Viele Menschen schätzen am Arbeitsplatz zudem ihre Privatsphäre. Diese ist durch die offene Umgebung ebenfalls nicht mehr gegeben.

Eine aktuelle Studie von Bernstein und Turban (2018) widmete sich den Auswirkungen von Open Workspace Büros auf die Kommunikation zwischen den Angestellten. Als erste Studie überhaupt untersuchten sie die direkte Anzahl von persönlichen Interaktionen vor und nach Implementierung eines Open Workspace Konzepts.

Sie kamen zu alarmierenden Ergebnissen:

  • Die Anzahl der kommunikativen Interaktionen von Angesicht zu Angesicht zwischen den Angestellten ging um ca. 70% zurück! Dagegen stieg die Anzahl elektronischer Interaktionen (E-Mail, Workchat, Messenger etc.) je nach Medium um 20–50% an.

  • Diese Ergebnisse zeigen, dass das Großraumbüro eher den umgekehrten Effekt dessen hat, was es eigentlich beabsichtigte.

  • Das Konzept der offenen Arbeitsplatzgestaltung ist also nicht so klar und einfach, wie man es eigentlich vermuten könnte. Dennoch könnte es Möglichkeiten der Arbeitsplatzgestaltung geben, die die Vorteile des Open Workspace nutzen und seine Nachteile ausgleichen könnten.

Lösungsvorschläge könnten beispielsweise sogenannte Balanced Workplaces sein. Hierbei handelt es sich im Prinzip um Open Workspaces, die aber durch Rückzugsorte wie kleine Konferenzräume oder abgetrennter Büros zur konzentrierten Stillarbeit ergänzt werden.


Wird es einem Mitarbeiter zu viel oder muss er ein vertrauliches Gespräch führen, so kann er sich einfach an einen dieser Plätze zurückziehen, sozusagen in seine eigene persönliche Wabe im Bienenstock. Sehr gut kombinierbar damit ist das Prinzip des Shared Desking, bei dem ein einzelner Mitarbeiter keinen ihm fest zugewiesenen Platz mehr hat, sondern von Tag zu Tag je nach Verfügbarkeit und Präferenz den Platz wechseln kann. Es gibt mittlerweile Technologien, die es erlauben, sein eigenes ergonomisches Profil auf einem Schreibtisch und dem Bürostuhl zu speichern und jederzeit auf Knopfdruck diese Einstellungen abrufen zu können. So kann man seinen persönlichen Arbeitsplatz im Grunde genommen überall hin mitnehmen.

So wie die Bienen sind auch wir Menschen soziale Wesen. Doch was bei den Bienen wunderbar funktioniert, das kann man noch lange nicht Eins zu Eins auf den Menschen übertragen. Bei der Arbeitsplatzgestaltung müssen stets alle Faktoren bedacht werden. Die reine Einführung eines Open Workspace führt nach diesen Erkenntnissen eben nicht zu einer schnellen Lösung aller Kommunikationsprobleme, sondern kann diese mitunter noch verstärken.

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Vielen Dank für Interesse!
Das Keller Partner Team

 

Bildquelle: Foto von wirestock auf Freepik

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