Liebe Leserinnen und Leser,
das Jahr neigt sich so langsam dem Ende zu und traditionell winkt oft weit weniger angehende Besinnlichkeit als Druck und Stress. Das gilt nicht nur im Privat- sondern vor allem im Arbeitsleben. Projekte sollen abgeschlossen sein, Budgets bestenfalls perfekt ausgeschöpft, Ziele erreicht und zugleich die Planungen für das kommende Jahr vorbereitet werden. Alles soll nun gleichzeitig und jeweils mit Priorität Nummer 1 ins Ziel. Die Kalender lassen keine Zeit mehr für Atempausen und es fühlt sich an, als würde man Wasser mit einem Sieb schöpfen.
Und wenn alles gleich wichtig ist und alles bis vorgestern erledigt sein soll, geraten Mitarbeitende unter Stress. Eine Situation, in denen Organisationen besonders auf deren Gewissenhaftigkeit angewiesen sind. Denn Aufgaben müssen auch dann zu Ende geführt werden, wenn bereits die nächsten warten. Menschen müssen Wichtiges von Dringendem unterscheiden und sich auf eine Sache konzentrieren, während fünf weitere To-Dos um ihre Aufmerksamkeit buhlen.
Alles eine Frage von Organisation und Disziplin?
Was zunächst nach einer Frage der Organisation und auch Disziplin klingt, ist im Kern vielmehr eine menschliche Eigenschaft, die erheblichen Einfluss darauf hat, wie zuverlässig wir handeln und wie beharrlich wir Ziele verfolgen: Die Gewissenhaftigkeit. Auch wie gut es uns gelingt, kurzfristigen Versuchungen zugunsten langfristiger Vorhaben zu widerstehen, zählt darin hinein.
Übrigens eine Eigenschaft, die zu den sogenannten Big Five gehört, den fünf großen Dimensionen der Persönlichkeit. Sie beschreibt unter anderem, wie planvoll, sorgfältig, verantwortungsbewusst und ausdauernd wir handeln (können). Gewissenhafte Menschen halten Vereinbarungen häufiger ein, bereiten sich gründlich vor und führen Aufgaben auch dann zu Ende, wenn diese mühsam werden oder ihren Reiz verloren haben.
Der britische Datenjournalist John Burn-Murdoch hat für die „Financial Times“ Daten der amerikanischen Understanding America Study* ausgewertet. Sein Befund: Seit 2018 ist die selbstberichtete Gewissenhaftigkeit zurückgegangen, besonders deutlich bei jüngeren Erwachsenen. Sie geben häufiger an, leicht ablenkbar oder nachlässig zu sein, Aufgaben weniger beharrlich zu verfolgen und gefasste Pläne seltener umzusetzen. Unterteilt wurden die Befragten in drei (große) Altersgruppen: 16-39, 40-59 und 60+ Jahre.
Die Ergebnisse verdienen Aufmerksamkeit, erlauben jedoch keine pauschale Diagnose einer bestimmten Generation. Die Daten stammen aus den USA und beruhen auf Selbstauskünften. Sie zeigen eine Entwicklung innerhalb der untersuchten Gruppe, liefern aber noch keine abschließende Erklärung für deren Ursachen. Burn-Murdoch nennt die ständige Verfügbarkeit digitaler Medien und die Erfahrungen während der Pandemie als mögliche Einflussfaktoren.
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Beides ist plausibel, damit jedoch noch lange nicht hinreichend belegt.
Vielleicht ist deshalb weniger die vermeintliche Schwäche einer Generation interessant als die Umgebung, in der sich diese Veränderung vollzieht. Vor allem im beruflichen Kontext.
Gewissenhaftigkeit ist kein moralisches Gütesiegel
Menschen unterscheiden sich schon immer auch darin, wie gewissenhaft sie sind. Ein Teil dieser Unterschiede hängt mit genetischen Voraussetzungen und dem frühen Temperament zusammen. Zugleich entwickeln sich Persönlichkeitsmerkmale durch Erziehung, Beziehungen, Vorbilder, soziale Erwartungen und die Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens sammeln.
Eine britische Langzeitstudie mit mehr als 2.200 Zwillingen liefert Hinweise darauf, dass liebevolle elterliche Zuwendung in der Kindheit mit höherer Gewissenhaftigkeit im jungen Erwachsenenalter verbunden ist. Selbst genetisch identische Geschwister unterschieden sich später, wenn sie die Zuwendung ihrer Mutter unterschiedlich erlebt hatten. Dennoch ist es nicht allein die Erziehung, die kindliche Entwicklung erklärt. Kinder gestalten durch ihr Temperament und ihr Verhalten die Reaktionen ihrer Umgebung mit. Persönlichkeit entsteht in einem fortlaufenden Wechselspiel zwischen Anlage, Erfahrung und sozialem Umfeld.
Mit dem Alter steigt die Gewissenhaftigkeit
Auch im Erwachsenenalter bleibt sie veränderbar. Im Durchschnitt nimmt Gewissenhaftigkeit vor allem im jungen Erwachsenenalter zu. Wer Verantwortung in Beruf, Partnerschaft oder für eine Familie übernimmt, übt Verbindlichkeit, Planung und Selbststeuerung immer wieder ein. Aus Handlungen können Gewohnheiten und aus Gewohnheiten mit der Zeit stabilere persönliche Muster werden.
Dabei ist Gewissenhaftigkeit nicht per se als „gut“ zu bewerten. Sie sagt etwas darüber aus, wie konsequent ein Mensch handelt, aber vorerst nichts darüber, ob das verfolgte Ziel ein (gesellschaftlich und moralisch) erstrebenswertes ist. On top kommt, dass sich ein ausgesprochen gewissenhafter Mensch in Details verlieren, an überholten Plänen festhalten oder den eigenen Anspruch so hoch setzen kann, dass Sorgfalt in Perfektionismus und Verantwortungsgefühl in permanente Überforderung kippen. Dann steht sich diese Person selbst im Weg und liefert unter Umständen erst sehr spät oder gar keine Ergebnisse.
Umgekehrt ist ein unordentlicher Schreibtisch noch kein Hinweis auf mangelnde Gewissenhaftigkeit. Ein Mensch kann wenig Wert auf sichtbare Ordnung legen und dennoch äußerst zuverlässig sein. Die Persönlichkeitsforschung unterscheidet deshalb unter anderem zwischen Ordnungsliebe und Fleiß beziehungsweise Zielstrebigkeit. Beide gehören zur Gewissenhaftigkeit, müssen aber nicht gleich stark ausgeprägt sein.
Wenn das Umfeld gegen die Menschen arbeitet
Eine wichtige Unterscheidung, die besonders für Unternehmen relevant ist. Führungskräften fällt vor allem Verhalten auf, wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter beispielsweise Fristen versäumt, Aufgaben liegenlässt oder Zusagen nicht hält. Daraus ergibt sich (allzu) schnell ein Urteil über den Menschen. Er wirkt unzuverlässig, schlecht organisiert oder wenig engagiert.
Doch beobachtbares Verhalten lässt noch keinen Rückschluss auf den Charakter zu. Denn es gibt viele Einflussfaktoren, die hinter diesem Verhalten stecken können. Wer erschöpft ist, dauerhaft unterbrochen wird oder gleichzeitig zu viele, eventuell auch widersprüchliche Erwartungen erfüllen soll, kann unzuverlässig wirken, obwohl Gewissenhaftigkeit grundsätzlich zu seinen Stärken gehört.
Organisationen brauchen gewissenhafte Menschen. Gleichzeitig brauchen Menschen Arbeitsbedingungen, unter denen sie auch gewissenhaft handeln können.
Wenn ein Mensch fünf Aufgaben betreut, sie gleichzeitig höchste Priorität haben, wird Selbstorganisation schwierig. Wenn jedes akustische oder optische Signal unsere Aufmerksamkeit beanspruchen darf, wird Konzentration zur täglichen Abwehrleistung. Und wenn Verantwortung übertragen wird, ohne die erforderlichen Entscheidungsräume mitzugeben, können Menschen Verbindlichkeit kaum noch aus eigener Kraft herstellen.
Führung kann keine Persönlichkeit festlegen. Sie kann jedoch Orientierung geben, Prioritäten klären, unnötige Unterbrechungen reduzieren und Vereinbarungen schaffen, auf die sich Menschen verlassen können. Ebenso wichtig ist eine Kultur, in der Schwierigkeiten früh angesprochen werden dürfen. Wer rechtzeitig sagt, dass eine Frist unter den gegebenen Bedingungen nicht zu halten ist, handelt häufig verantwortungsvoller als jemand, der bis zum letzten Moment Verlässlichkeit vorspielt. Hier sind die Stellschrauben, mit denen Führungskräfte arbeiten sollten.
Gewissenhaftigkeit entsteht aus persönlichen Voraussetzungen, eingeübtem Verhalten und den Bedingungen, unter denen Menschen handeln. Wer mehr davon erwartet, sollte deshalb nicht nur an Disziplin und Eigenverantwortung appellieren, sondern auch prüfen, ob Ziele klar, Zusagen realistisch und Prioritäten erkennbar sind.
Gerade im Jahresendspurt zeigt sich, wie gut dies einer Organisation gelingt. Denn Verlässlichkeit ist eine persönliche Stärke. Ob sie wirksam werden kann, ist auch eine Frage des Systems.
Herzlich
Ihr Daniel Keller
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Quellen und weiterführende Literatur:
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