Warum Nähe zum Smartphone ablenkt
Liebe Leserinnen und Leser,
Arbeit ohne Ablenkungen oder Unterbrechungen gilt oft als Luxus, als etwas, das man sich in kreativen Auszeiten oder abgeschiedenen Rückzugsorten leistet. Tatsächlich ist sie eine Grundbedingung konzentrierten Denkens. Denn komplexe Aufgaben erfordern, dass wir Gedanken über längere Zeit hinweg verfolgen, verknüpfen und weiterentwickeln können. Das setzt eine Aufmerksamkeit voraus, die ungestört bleibt.
Dass uns fokussiertes Arbeiten zunehmend schwerfällt, liegt weniger an mangelnder Selbstkontrolle als an Arbeitsumgebungen, die Aufmerksamkeit systematisch durch Meetings, E-Mails und offene Kommunikationskanäle fragmentieren. Und durch ein Gerät, das fast beiläufig neben dem Laptop liegt, meist stumm, oft mit dem Display nach unten: das Smartphone.
Aus kognitionspsychologischer Perspektive ist das Smartphone kein gelegentlicher Störer, sondern Teil einer Aufmerksamkeitsarchitektur. Permanente digitale Reize – Benachrichtigungen, Feeds, Messaging-Apps, visuelle Marker – fördern einen Zustand des kontinuierlichen Kontextwechsels. In diesem Modus fällt es uns schwer, in Phasen ungeteilter Konzentration einzutreten oder diese aufrechtzuerhalten. Die bloße Sichtbarkeit des Smartphones bindet kognitive Ressourcen. Unsere Aufmerksamkeit wird fragmentiert, noch bevor wir bewusst handeln.
Die kognitiven Kosten solcher Unterbrechungen sind gut dokumentiert. Studien zum Kontextwechsel zeigen: Es kann bis zu 20 oder 25 Minuten dauern, bis nach einem Abbruch wieder ein vergleichbares Konzentrationsniveau erreicht ist. Dies ist unabhängig davon, wie flüchtig der Reiz war. Entscheidend ist nicht seine Dauer, sondern dass überhaupt ein Wechsel stattgefunden hat. Selbst scheinbar harmlose Impulse genügen, um gedankliche Fäden zu zerreißen.

Beispiel:
Typisch ist folgende Szene. Eine anspruchsvolle Aufgabe wird bearbeitet, der Gedankengang, verdichtet sich langsam. Das Smartphone liegt neben dem Computer. Eine neue Information erscheint ohne Ton oder Vibrieren. Und doch wandert unser Blick. Man checkt "nur kurz" die Mitteilung, dann wendet man sich wieder der Arbeit zu.
Was ist geschehen? Es ist kaum Zeit vergangen, aber die gedankliche Kontinuität ist verloren. Die Tätigkeit geht weiter, das Denken beginnt von vorn.
Verstärkt wird dieser Effekt durch das Design digitaler Anwendungen. Viele operieren mit kurzen, variablen Reizangeboten. Inhalte erscheinen unvorhersehbar, soziale Rückmeldungen suggerieren potenzielle Relevanz. Diese Strukturen aktivieren das dopaminerge System – nicht als Belohnung im Sinne von Zufriedenheit, sondern als Erwartungssignal. Dopamin steigert die Bereitschaft, erneut zu prüfen, ob etwas geschehen ist. An die Stelle selbstgesteuerten Denkens tritt ein Zustand, in dem äußere Impulse das Handeln diktieren.
Diese Reaktionsbereitschaft ist kein individuelles Scheitern, sondern Ausdruck einer Umgebung, die unsere Aufmerksamkeit systematisch zerlegt. Doch was versetzt uns in diesen Zustand ständiger Alarmbereitschaft? Neben der Struktur digitaler Anwendungen spielt ein oft übersehener, aber entscheidender Faktor eine Rolle: Nähe. Untersuchungen haben gezeigt, dass bereits die bloße Sichtbarkeit eines Smartphones ausreicht, um die kognitive Leistung messbar zu verringern. Nicht weil wir es ständig benutzen, sondern weil unser Gehirn es ständig mitbedenkt.
Wie stark das Smartphone ablenkt, hängt davon ab, wie nah und verfügbar es ist. Wenn es nur sichtbar ist, stört es weniger, als wenn es griffbereit liegt oder sogar entsperrt ist. Mit jeder dieser Stufen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir abgelenkt werden. Umgekehrt hilft es, das Gerät außer Sichtweite zu bringen: So sinkt nicht nur die Zahl der Unterbrechungen, sondern auch deren Auswirkungen. Die ständige Erwartung, dass etwas passiert, lässt nach und das macht es leichter, konzentriert zu bleiben.
So wird deutlich:
Die Fähigkeit zu Konzentration ist keine individuelle persönliche Eigenschaft, sondern ein Zustand, der durch äußere Bedingungen mitbestimmt wird.
Wer diese Bedingungen ernst nimmt, muss Ablenkung nicht unterdrücken, sondern sie unwahrscheinlich machen. Und manchmal beginnt das mit einer einfachen, aber unbequemen Frage: Was liegt hier näher, als es unserer Konzentration guttut?
Ihre Dr. Sandra Dentler
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Checkliste für ablenkungsfreies Arbeiten 1. Reduzieren Sie die Sichtbarkeit 2. Begrenzen Sie die Zugänglichkeit 3. Kontrollieren Sie digitale Reize 4. Schützen Sie Ihre Denkphasen 5. Bauen Sie Erwartungshaltung ab 6. Gestalten Sie Ihre Umgebung aktiv |
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