Warum gute Führung leiser beginnt, als viele denken
Liebe Leserinnen und Leser,
Es ist früh am Morgen bei der Vorstandsklausur in der Abtei Münsterschwarzach. Obwohl der Tag bereits begonnen hat, fehlt etwas, das in unserem Alltag und besonders im Führungsalltag selbstverständlich geworden ist. Denn es werden weder Nachrichten empfangen noch Gespräche geführt und Themen, die nach einer Einordnung oder Entscheidung verlangen, werden bewusst außen vor gelassen.
Stattdessen entsteht eine Ruhe, die zunächst unspektakulär wirkt, ihre Wirkung jedoch gerade in dieser Schlichtheit entfaltet. Sie schafft etwas, das im Alltag oft keinen Platz mehr hat, nämlich einen Raum, in dem nichts verlangt wird, außer sich selbst zu begegnen. Genau das ist der Kern unserer ersten Vorstandsklausur, die ich gemeinsam mit Prof. Leonhard Zintl (Vorstandsvorsitzender der Volksbank Mittweida) im März mit Vorständen durchgeführt habe und die ich bewusst als eine „Klausur mit sich selbst“ verstehe.
Bild 1: Prof. Dr. Daniel Keller & Prof. Leonhard Zintl (Abtei Münsterschwarzach, März 2026)
Für einige Tage entstand ein Rahmen, in dem sich Vorstände getragen vom klösterlichen Rhythmus, jenseits des operativen Drucks und durch den reduzierten technologischen Einsatz neu verortet haben. Für viele war es eine ungewohnte Umgebung, die nicht auf Reaktion, sondern auf Reflexion ausgerichtet war.
In diesen Tagen standen keine neuen Methoden oder zusätzlichen Inhalte im Mittelpunkt. Entscheidend war eine grundlegende Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit, den eigenen Mustern und den Erfahrungen, die das eigene Handeln formen. Diese Form der Selbstreflexion ist nicht immer bequem, jedoch notwendig. Sie führt zu etwas, das für wirksame Führung entscheidend ist: Klarheit.
Klarheit entsteht aus Distanz
Durch mein Theologiestudium und meine Zeit in Rom habe ich gelernt, welche Kraft in klösterlichen Räumen liegt. Es handelt sich dabei nicht nur um einen Rückzug aus der Welt, sondern auch um eine Möglichkeit, ihr mit größerer Klarheit zu begegnen.
Bis heute nehme ich mir regelmäßig Zeit, selbst ins Kloster zu gehen, oft für eine Woche oder auch länger. Das tue ich nicht, um mich dem Alltag zu entziehen, sondern um wieder Zugang zu dem zu bekommen, was in eben jenem Alltag schnell überlagert wird. Ich erhalte hier Zeit zum Denken, zum Einordnen des eigenen Lebens und zum Innehalten. Genau diese Erfahrung bringe ich in die Vorstandsklausur ein und gebe sie an die Teilnehmenden weiter.
In meiner Arbeit zeigt sich oft ein Muster. Die Geschwindigkeit nimmt stetig zu, die Informationsdichte steigt und gleichzeitig schrumpft der Raum für vertieftes Nachdenken. Führung findet dadurch häufig im Modus der Reaktion statt. Themen folgen dicht aufeinander, Entscheidungen werden unter Zeitdruck getroffen, und selbst kurze Übergänge zwischen Terminen werden sofort wieder gefüllt.
Das Problem besteht dabei selten in einem Mangel an Wissen. Viel häufiger entsteht eine Überladung an Informationen, ja oft Datenlärm. Was fehlt, ist die Möglichkeit, diese Informationen zu verarbeiten und in einen klaren Zusammenhang zu bringen. Genau an dieser Stelle setzt die Vorstandsklausur an. Die Tage im Kloster sind geprägt von Struktur, Reflexion und bewusst gesetzten Unterbrechungen. Ein zentraler Bestandteil ist die Stille, nicht als Selbstzweck, sondern als Voraussetzung dafür, dass Gedanken sich entwickeln können, bevor sie bewertet werden.
Benediktinerpater Anselm Grün, der als Impulsgeber und Redner vor Ort war, beschreibt das treffend:
„Viele Menschen suchen Antworten im Außen und überhören dabei ihre eigene innere Stimme. Erst in der Stille entsteht der Raum, in dem wir wieder erkennen, was wirklich wesentlich ist.“

Bild 2: Prof. Dr. Daniel Keller & Pater Anselm Grün OSB (Abtei Münsterschwarzach, März 2026)
In Organisationen wird Komplexität häufig als etwas Äußeres beschrieben. Meine Erfahrung zeigt jedoch, dass die entscheidende Unschärfe oft im eigenen Denken entsteht. Wer dauerhaft im Reaktionsmodus bleibt, trifft Entscheidungen unter Druck und mit geringer Distanz. Dadurch überlagert das Dringende das Wichtige und Zusammenhänge werden nicht vollständig durchdrungen.
Bewusste Unterbrechungen wirken nach
Eine zentrale Erkenntnis dieser dreitägigen „Reise“ war und ist, dass es keine radikalen Veränderungen braucht, um die im Kloster erfahrene Qualität in den Alltag zu übertragen. Oft reichen kleine, bewusst gesetzte Unterbrechungen. Dazu gehört ein Moment des Innehaltens vor einer Entscheidung oder ein klarer Übergang zwischen zwei Themen. Auch der bewusste Entschluss, eine Pause nicht sofort zu füllen, kann bereits viel bewirken.
Diese scheinbar kleinen Veränderungen entfalten eine stärkere Wirkung, als man zunächst vermutet. Sie verändern nicht die Menge der Arbeit, jedoch die Qualität, mit der sie bearbeitet wird. Mit der Zeit entsteht daraus etwas, das ich als inneren Raum beschreiben würde. In diesem muss nicht sofort gehandelt werden. Gedanken können sich erst entwickeln, bevor sie in Entscheidungen übersetzt werden.
Ich habe häufig erlebt, dass die wirksamsten Führungskräfte nicht die schnellsten sind. Entscheidend ist vielmehr Klarheit - und dann Umsetzung. Oder anders formuliert:
„Das eigentliche Problem moderner Führung besteht nicht in der Komplexität der Welt, sondern in der fehlenden Distanz zum eigenen Denken. Wer sich diese Distanz nicht bewusst schafft, verwechselt Reaktion mit Entscheidung.“
Der Raum der Stille und das Schweigen darin werden häufig missverstanden, denn schweigen ist weder Rückzug noch Passivität. Aus meiner Erfahrung ist sie ein aktiver Beitrag zur eigenen Wirksamkeit. Gerade in einer Welt, die von Geschwindigkeit und permanenter Kommunikation geprägt ist, wird Stille zu einer entscheidenden Voraussetzung für Klarheit und tragfähige Entscheidungen und vielleicht liegt genau darin ihre größte Stärke: Durch die Stille, die ein in sich hinein hören erst möglich macht, schaffen wir die Grundlage, um mutig und durchdacht zu handeln. Und somit: Um wirksam zu werden.
Ihr Daniel Keller
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Vorstandsklausur 2027 Die positive Resonanz auf die diesjährige Klausur hat uns bestärkt, dieses besondere Format in 2027 erneut durchzuführen. Datum: Mittwoch, 10. März bis Freitag, 12. März 2027 Die Vorstandsklausur bleibt ein exklusiver Rahmen für Vorstände und Geschäftsführer. Eine Teilnahme ist nur mit Einladung möglich, da die Tiefe der Arbeit einen geschützten und bewußt begrenzten Teilnehmerkreis erfordert. Wenn Sie Interesse haben, können Sie sich gerne an Katja Kranz (kkr@keller-partner.de) wenden. Sie stellt Ihnen die Informationen sowie die persönliche Anmeldemöglichkeit zur Verfügung. |
Bildquelle: Foto Abtei Münsterschwarzach